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Mehrsprachigkeit ist ein Schatz: so unterstützen Sie mehrsprachige Kinder im Alltag

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Emir kommt morgens in die Gruppe, ruft seiner Erzieherin ein fröhliches „Günaydın“ zu und wechselt im nächsten Satz mitten im Spiel ins Deutsche, um einem anderen Kind zu erklären, wie der Turm nicht umfällt. Für Emir ist das völlig selbstverständlich. Für manche Fachkräfte löst genau dieser Wechsel eine leise Sorge aus: Verwirrt das nicht? Sollte er nicht lieber konsequent bei einer Sprache bleiben, damit sein Deutsch schneller besser wird?

Diese Sorge ist verständlich, sie kommt aus dem Wunsch, jedem Kind einen guten Start zu ermöglichen. Die Sprachforschung gibt darauf eine klare, entlastende Antwort: Mehrsprachigkeit ist kein Hindernis auf dem Weg zum Deutschen, sondern eine Ressource, die Kinder von Anfang an mitbringen. Entscheidend ist, wie Sie im Kita-Alltag damit umgehen.

Dieser Beitrag zeigt, was hinter dem Begriff Mehrsprachigkeit steckt, warum das Mischen von Sprachen ein Zeichen von Kompetenz statt Verwirrung ist, und mit welchen kleinen Schritten Sie mehrsprachige Kinder und ihre Familien im Alltag stärken.

Was Mehrsprachigkeit für ein Kind bedeutet

Manche Kinder wachsen von Geburt an mit zwei oder mehr Sprachen gleichzeitig auf, andere lernen Deutsch erst mit dem Eintritt in die Kita dazu, während zu Hause weiterhin die Familiensprache gesprochen wird. Beide Wege sind normale Formen des Spracherwerbs. Das Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung der Universität zu Köln fasst in seinem Basiswissen zur individuellen Mehrsprachigkeit zusammen, in welchen unterschiedlichen Kontexten sie entsteht, von welchen Faktoren sie beeinflusst wird und wie sie sich in Kita und Schule gewinnbringend nutzen lässt.

Für die Praxis ist eine Erkenntnis besonders wichtig: Eine gut entwickelte Erstsprache ist keine Konkurrenz zum Deutschen, sondern die Basis, auf der weitere Sprachen aufbauen. Kinder, die in ihrer Familiensprache sicher sind, tun sich leichter, auch das Deutsche zu erwerben. Wer die Familiensprache eines Kindes klein redet oder verdrängen möchte, nimmt ihm also eher eine Stütze, als ihm zu helfen.

Translanguaging: wie Kinder ihre Sprachen kombinieren

Wenn ein Kind mitten im Satz die Sprache wechselt, so wie Emir am Morgen, sprechen Fachleute von Translanguaging. Gemeint ist die Fähigkeit, den gesamten sprachlichen Werkzeugkasten flexibel zu nutzen, je nachdem, was gerade ausgedrückt werden soll. Das ist kein Durcheinander, sondern eine anspruchsvolle sprachliche Leistung.

Auf dem KiTa-Portal NRW finden pädagogische Fachkräfte ein kostenfreies Selbstlernmodul „Mehrsprachigkeit in der Kindertagesbetreuung“ mit einem eigenen Vertiefungsbaustein zum Translanguaging-Konzept. Für den Alltag folgt daraus ein einfacher Grundsatz: Wenn ein Kind Sprachen mischt, korrigieren Sie nicht die Form, sondern nehmen Sie den Inhalt auf und antworten Sie in aller Ruhe auf Deutsch weiter. So bleibt das Kind in seiner sprachlichen Sicherheit und hört gleichzeitig ein gutes deutsches Sprachvorbild.

Zwei erprobte Programme: Griffbereit und Rucksack KiTa

In Nordrhein-Westfalen gibt es seit vielen Jahren zwei Programme, die genau hier ansetzen und über die Kommunalen Integrationszentren koordiniert werden.

  • Griffbereit richtet sich an Familien mit Kindern von ein bis drei Jahren. In mehrsprachigen Spielgruppen wird die Interaktion zwischen Eltern und Kind gestärkt, um eine solide Basis für Mehrsprachigkeit zu legen.
  • Rucksack KiTa begleitet Kinder von vier bis sechs Jahren mit internationaler Familiengeschichte. Das Programm läuft in Nordrhein-Westfalen bereits seit 1999 und baut auf Partizipation und Empowerment: Eltern und Fachkräfte werden als Expertinnen und Experten ihres jeweiligen Bereichs gesehen, die Familiensprache wird zu Hause, das Deutsche in der Kita gefördert.

Beide Programme zeigen: Sprachbildung gelingt am besten als geteilte Aufgabe zwischen Familie und Einrichtung, nicht als etwas, das ausschließlich in der Kita stattfindet. Fragen Sie bei Ihrem Kommunalen Integrationszentrum nach, ob eines der Programme in Ihrer Nähe angeboten wird.

Was Sie im Alltag konkret tun können

Nicht jede Idee braucht ein Programm im Hintergrund. Schon kleine Gesten machen mehrsprachigen Kindern und ihren Familien den Alltag leichter:

  • Lernen Sie mit Unterstützung der Eltern ein paar Begrüßungsworte in den Familiensprachen Ihrer Gruppe. Schon „Guten Morgen“ in zwei oder drei Sprachen signalisiert: Deine Sprache gehört hierher.
  • Setzen Sie Bilderbücher und Lieder in mehreren Sprachen ein, auch wenn Sie selbst die Sprache nicht sprechen. Eltern oder Familienmitglieder helfen oft gerne bei der Aussprache.
  • Machen Sie Familiensprachen im Raum sichtbar, etwa durch mehrsprachige Wortkarten oder Beschriftungen, statt sie nur als Besonderheit einzelner Kinder zu behandeln.
  • Beziehen Sie Eltern als Sprachexpertinnen und -experten ein, nicht nur als Zielgruppe von Sprachförderung. Fragen Sie aktiv nach, statt nur zu informieren.
  • Akzeptieren Sie Sprachmischungen als das, was sie sind: ein Zeichen sprachlicher Kompetenz, kein Fehler, der korrigiert werden muss.

Und wenn Sie die Sprache selbst nicht sprechen?

Viele Fachkräfte zögern, weil sie glauben, sie müssten die Familiensprache eines Kindes selbst beherrschen, um es sprachlich zu unterstützen. Das ist nicht der Fall. Entscheidend ist nicht Ihre eigene Mehrsprachigkeit, sondern die Haltung, mit der Sie den Sprachen der Kinder begegnen. Ein Kind merkt sehr genau, ob seine Familiensprache als selbstverständlicher Teil seiner Person willkommen ist oder nur geduldet wird.

Es reicht oft, ehrliches Interesse zu zeigen: sich von einem Kind ein Wort in seiner Sprache beibringen zu lassen, Eltern nach einem Lied oder Reim aus ihrer Kindheit zu fragen, oder bei Unsicherheit einfach zu sagen: „Das kann ich noch nicht, zeig es mir.“ Damit machen Sie sich selbst zur Lernenden und werten die Sprache des Kindes gleichzeitig auf. Gerade in Familienzentren und OGS-Teams, in denen mehrere Sprachen aus Elternschaft und Kollegium zusammenkommen, kann diese Offenheit zu einer echten Ressource für die ganze Einrichtung werden, nicht nur für die einzelnen mehrsprachigen Kinder.

Der nächste Schritt

Sie müssen nicht alles auf einmal umsetzen. Suchen Sie sich eine Idee aus diesem Beitrag aus und probieren Sie sie diese Woche mit Ihrer Gruppe aus, zum Beispiel eine mehrsprachige Begrüßung im Morgenkreis. Passende Praxisideen mit konkreten Schritten, Reflexionsfragen und Variationen für unterschiedliche Altersgruppen finden Sie im Praxisideen-Finder zum Thema Mehrsprachigkeit. Wenn Sie unsicher sind, wie Sie ein Programm wie Griffbereit oder Rucksack KiTa an Ihren Standort holen, sprechen Sie gerne Ihre Integrationsbegleiterin an oder nutzen Sie unsere Kontaktseite.

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