Zum Inhalt springen
Zum Inhalt springen

Vom Gruppenraum ins Klassenzimmer, was Kinder beim Übergang wirklich brauchen

·

Mitte Juli, kurz vor der Abholzeit. Ein Kind steht mitten im Gruppenraum, den nagelneuen Schulranzen auf dem Rücken, und dreht sich einmal langsam im Kreis, damit alle das Federmäppchen sehen. Zwei Vorschulkinder kommen sofort angelaufen. Die Mutter bleibt an der Tür stehen und wartet, bis die anderen Familien gegangen sind. Dann fragt sie leise: „Darf ich am ersten Schultag mitkommen? Oder ist das nur für die Kinder?“

Die Frage wirkt klein. Sie ist es nicht. In ihr steckt fast alles, was einen Übergang schwierig macht: eine Situation, die für die einen selbstverständlich ist, weil sie sie selbst erlebt haben, und für die anderen ein Blindflug, weil niemand ihnen je erklärt hat, wie so ein erster Schultag in Deutschland abläuft. Eine gute Begleitung des Übergangs fängt genau hier an, bei den unausgesprochenen Fragen der Eltern.

In vielen Einrichtungen wird der Wechsel wie ein Termin behandelt. Die Ferien enden, und danach ist das Kind eben Schulkind. Für das Kind und seine Familie zieht sich der Wechsel über Monate. Er beginnt lange vor dem ersten Schultag und wirkt danach noch eine ganze Weile nach. Das nifbe nennt einen gelungenen Übergang einen wichtigen Meilenstein für eine konsistente Bildungsbiografie und benennt zugleich das Grundproblem: Kita und Grundschule arbeiten mit unterschiedlichen Kulturen, Aufträgen und Bildern vom Kind.

Was der Wechsel von einem Kind verlangt

Erwachsene sehen beim Schulstart vor allem das Neue: den Ranzen, die Schultüte, den ersten Stundenplan. Kinder erleben in denselben Wochen einen ziemlich dichten Stapel an Veränderungen gleichzeitig.

  • Neue Erwachsene. Die Bezugserzieherin, die drei Jahre lang wusste, wann das Kind Pause braucht, ist ab August nicht mehr da. An ihre Stelle treten mehrere Personen, die zunächst niemanden gut kennen.
  • Neue Regeln. Aufstehen, melden, sitzen bleiben, auf ein Signal reagieren. Vieles davon ist nirgends erklärt, es wird vorausgesetzt.
  • Ein neuer Rhythmus. Der Tag ist plötzlich in Stunden geteilt, und Hunger oder Müdigkeit richten sich nicht nach dem Gong.
  • Oft ein dritter Ort. Für viele Kinder kommen gleich zwei neue Orte dazu: vormittags das Klassenzimmer, nachmittags der Offene Ganztag, häufig mit einem weiteren Team und weiteren Regeln.
  • Eine neue Position in der Gruppe. Aus dem größten Kind der Kita wird das kleinste Kind auf dem Schulhof.

Das alles ist normal und für die meisten Kinder gut zu bewältigen. Anstrengend wird es dann, wenn zu diesen fünf Baustellen noch weitere dazukommen, etwa ein Umzug, eine unsichere Wohnsituation oder eine Familie, die selbst gerade erst angekommen ist. Im Team lohnt deshalb eine zweite Frage neben der üblichen. Was kann das Kind schon? Und wie viele Veränderungen trägt es gerade gleichzeitig?

Warum Familien mit sehr unterschiedlichem Vorwissen starten

Das Anmeldeverfahren in Nordrhein-Westfalen ist klar geregelt, aber es setzt Ortskenntnis voraus. Laut Bildungsportal des Landes erhalten Eltern etwa zehn bis elf Monate vor Schulbeginn ein Schreiben des Schulverwaltungsamts, angemeldet wird danach direkt in der jeweiligen Schule, und bis zum 15. November müssen alle Kinder angemeldet sein, die im folgenden Jahr schulpflichtig werden. Über die tatsächliche Aufnahme entscheidet die Schulleitung erst nach Abschluss des Anmeldeverfahrens.

Für Familien, die selbst in Deutschland zur Schule gegangen sind, ist das ein bekannter Ablauf. Für andere ist jeder einzelne Schritt eine offene Frage. Was ist ein Schulverwaltungsamt, und warum schreibt es mich an? Ist die Anmeldung schon die Zusage? Muss ich mich für den Nachmittag getrennt anmelden, und wann ist dafür Schluss? Wer diese Fragen nicht stellt, hat sie meistens trotzdem. Fehlendes Wissen über ein Verfahren ist keine Eigenschaft der Familie, es ist eine Lücke in der Information, und Lücken lassen sich schließen.

Im Alltag hilft weniger ein weiteres Merkblatt als ein fester Termin. Ein Elternabend im Herbst, an dem eine Lehrkraft der künftigen Grundschule tatsächlich im Raum sitzt, beantwortet mehr Fragen als drei Rundschreiben. Wenn Sie dabei mit Verdolmetschung oder in einfacher Sprache arbeiten, planen Sie mehr Zeit ein und weniger Themen. Wie Sie Elternkommunikation sprachlich zugänglich halten, ohne inhaltlich abzuspecken, lesen Sie in unserem Beitrag zur Elternkommunikation in Leichter Sprache.

Verbindliche Kooperation statt loser Besuche

Viele Kitas und Grundschulen kooperieren bereits, aber oft hängt die Zusammenarbeit an einzelnen Personen. Fällt die engagierte Kollegin aus, fällt der Schulbesuch aus. Das Schulministerium NRW beschreibt den Anspruch deutlich anders.

Um den Kindern die Unsicherheit vor der neuen Situation zu nehmen und am bisherigen Bildungsverlauf anzuknüpfen, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Kindertageseinrichtung, Grundschule und Elternhaus besonders wichtig.

Ministerium für Schule und Bildung NRW, Übergang Kindergarten und Grundschule

Als gemeinsame fachliche Klammer nennt das Land die Bildungsgrundsätze für Kinder von 0 bis 10 Jahren. Sie bilden nach Angaben des Ministeriums die Grundlage für die Kooperation zwischen Kindertageseinrichtung und Grundschule, der Leitfaden dazu steht auf kita.nrw zum Download bereit. Der praktische Wert liegt darin, dass beide Seiten dieselben Begriffe benutzen können, statt sich gegenseitig zu erklären, was jeweils unter Bildung verstanden wird.

Woran man merkt, dass eine Kooperation trägt

  • Es gibt zwei namentlich benannte Ansprechpersonen, eine in der Kita, eine in der Schule, und beide wissen davon.
  • Die Termine für das kommende Jahr stehen im Sommer fest, nicht im Mai danach.
  • Der Kontakt läuft in beide Richtungen: Die Kita besucht die Schule, und eine Lehrkraft kommt auch einmal in den Gruppenraum.
  • Das Team des Offenen Ganztags sitzt mit am Tisch, nicht erst ab August.
  • Integrationsbegleiterinnen sind an den Übergabegesprächen mit Familien beteiligt, weil sie den Kontakt oft am längsten halten.

Bildungsdokumentation: nichts ohne schriftliche Zustimmung

An dieser Stelle wird es rechtlich eindeutig, und im Alltag trotzdem oft unsauber gehandhabt. Die Entwicklungs- und Bildungsdokumentation setzt nach § 18 des Kinderbildungsgesetzes NRW die schriftliche Zustimmung der Eltern voraus. Eine Weitergabe an die Grundschule ist nur möglich, wenn die Eltern in zeitlicher Nähe zur Informationsweitergabe schriftlich zugestimmt haben. Und sie müssen darauf hingewiesen werden, dass sie diese Einwilligung jederzeit widerrufen können.

Zeitliche Nähe heißt: Eine Unterschrift, die vor drei Jahren beim Aufnahmegespräch im Stapel mitgelaufen ist, trägt diese Weitergabe nicht. Bitten Sie rechtzeitig vor dem Übergang neu um die Zustimmung, in einem eigenen Gespräch, in dem die Eltern sehen, was in der Dokumentation steht. Zeigen Sie die Mappe. Übersetzen Sie, wenn nötig. Und machen Sie deutlich, dass ein Nein keine Nachteile hat, denn genau diese Sorge steht bei vielen Familien im Raum.

Zwei Dinge gehören ausdrücklich nicht in ein solches Gespräch. Erstens eine Sortierung von Kindern in schulfähig und nicht schulfähig, die sich an Deutschkenntnissen festmacht. Zweitens die Darstellung von Mehrsprachigkeit als Startnachteil. Ein Kind, das zu Hause Kurdisch und in der Kita Deutsch spricht, bringt eine Kompetenz mit, keinen Mangel. Wie sich mehrsprachige Kinder im Alltag stärken lassen, ohne sie zu Sonderfällen zu machen, greifen wir im Beitrag über mehrsprachige Kinder auf.


Drei Dinge, die schon nächste Woche möglich sind

  1. Eine Liste der Grundschulen anlegen, in die Ihre Kinder wechseln. In vielen Einrichtungen verteilt sich ein Jahrgang auf drei oder vier Schulen. Wer das schwarz auf weiß hat, sieht sofort, wo eine Kooperation fehlt.
  2. Ein Telefonat führen, keine Mail schreiben. Fünfzehn Minuten mit der Schulleitung über einen gemeinsamen Termin im Herbst bringen mehr als ein Konzeptpapier, das niemand liest.
  3. Die Einwilligungen prüfen. Schauen Sie nach, wann die Eltern Ihrer künftigen Schulkinder zuletzt unterschrieben haben. Wenn das lange her ist, planen Sie die Gespräche jetzt und nicht im Juni.

Für die Kinder selbst zählt außerdem der Schluss in der Kita. Ein richtig gesetzter Abschied, mit einem letzten gemeinsamen Ritual und einer Verabschiedung, die nicht zwischen Tür und Angel passiert, gibt dem Kind etwas mit, worauf es sich in der neuen Gruppe stützen kann. Wie das Ankommen auf der anderen Seite gelingt, beschreiben wir im Beitrag zur Willkommenskultur in den ersten Wochen.

Wenn Sie konkrete Ideen für die letzten Wochen vor dem Wechsel suchen, etwa für ein Übergangsritual oder ein Projekt mit den künftigen Schulkindern, filtern Sie im Praxisideen-Finder nach Alter und Anlass. Und falls Sie beim Thema Einwilligung oder Kooperation unsicher sind, melden Sie sich bei uns über die Kontaktseite, wir vermitteln gern den Kontakt zu Ihrem Standort.

Die Mutter an der Tür hat übrigens eine einfache Antwort bekommen: Ja, Eltern kommen mit, fast alle, und es gibt danach Kaffee in der Aula. Sie hat sichtbar aufgeatmet. Manchmal ist der ganze Übergang eine Frage davon, wer die selbstverständlichen Dinge einmal ausspricht.

Weiterlesen

Mehr zum Thema

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert