„Warum hat der Junge eine andere Hautfarbe als ich?“ Diese Frage stellt ein vierjähriges Kind im Morgenkreis, laut und unbefangen, mitten im Sitzkreis. Für einen Moment wird es still. Wegschauen? Ablenken? Schnell etwas Nettes sagen und weitermachen? Die meisten pädagogischen Fachkräfte kennen solche Momente. Sie kommen unangekündigt, mitten im Alltag, und sie verlangen eine Antwort, die weder verlegen noch belehrend klingt.
Genau für solche Situationen gibt es einen pädagogischen Ansatz, der seit über zwei Jahrzehnten in deutschen Kitas und Schulen erprobt wird: die vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung. Sie liefert keine fertigen Antworten zum Auswendiglernen, sondern eine Haltung und ein Handwerkszeug, mit dem Fachkräfte solche Fragen souverän aufgreifen können, statt sie zu übergehen.
Der Ansatz: Fachstelle Kinderwelten und der Situationsansatz
Entwickelt wurde die vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung (VBuE) vom Institut Kinderwelten, das den international bekannten Anti-Bias-Ansatz erstmals systematisch mit dem Situationsansatz verknüpft hat. Der Situationsansatz nimmt Kinder in ihren konkreten Lebenslagen wahr und begreift sie als aktive Gestalterinnen und Gestalter ihrer eigenen Bildungsprozesse. Die VBuE erweitert diese Perspektive um einen bewussten Blick auf Vielfalt, Identität und Diskriminierung, ohne dabei mit dem Zeigefinger zu arbeiten.
Im Kern geht es darum, Kindern zu ermöglichen, sich selbst und andere wertgeschätzt zu erleben, und ihnen gleichzeitig zuzutrauen, über Gerechtigkeit nachzudenken. Das klingt zunächst abstrakt, wird aber im Alltag sehr konkret: beim Blick ins Bücherregal, bei der Auswahl von Spielmaterial, bei der Reaktion auf eine Kinderfrage im Morgenkreis.
Vier Ziele, die aufeinander aufbauen
Die vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung verfolgt vier Ziele, die sich gegenseitig bedingen:
- Identitäten stärken: Jedes Kind erfährt Anerkennung, als Person und als Mitglied seiner Bezugsgruppen.
- Vielfalt erfahrbar machen: Kinder sammeln bewusste, positive Erfahrungen mit Menschen, die anders aussehen, sprechen oder leben als sie selbst.
- Kritisches Denken anregen: Mit den Kindern wird eine Sprache entwickelt, um über gerecht und ungerecht sprechen zu können.
- Aktives Handeln ermutigen: Kinder werden bestärkt, sich für sich selbst und andere einzusetzen, wenn etwas unfair ist.
Diese vier Ziele bauen aufeinander auf: Ein Kind, das sich selbst sicher fühlt, kann sich leichter auf Unbekanntes einlassen. Wer sich auf Vielfalt einlässt, entwickelt eher ein Gespür für Gerechtigkeit. Und wer Ungerechtigkeit erkennt, kann irgendwann auch dagegen aufstehen, für sich selbst oder für andere.
Im Kita-Alltag zeigt sich das oft in kleinen Szenen: Ein Kind bemerkt, dass beim Fußballspiel in der Pause nie ein Mädchen mitspielen darf. Wird das kommentarlos hingenommen, lernt die Gruppe, dass Ausschluss normal ist. Greift die Fachkraft die Beobachtung auf, gemeinsam mit den Kindern, entsteht daraus ein echtes Gespräch über Fairness, nicht ein erhobener Zeigefinger von oben, sondern eine gemeinsame Suche nach einer besseren Lösung.
Warum das schon bei den Jüngsten beginnt
Viele Fachkräfte unterschätzen, wie früh Kinder beginnen, Unterschiede wahrzunehmen und zu bewerten. Nach Erkenntnissen, die das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) zusammenträgt, nehmen schon Babys ab etwa neun Monaten unterschiedliche Hautfarben wahr, erkennbar an den Reaktionen ihrer Bezugspersonen. Im Alter von zwei bis drei Jahren wird Kindern bewusst, dass sich Menschen in Haut- und Haarfarbe unterscheiden, und es entstehen erste Bewertungen. Die Häufigkeit von Vorurteilen gegenüber anderen Gruppen steigt danach an und erreicht laut diesen Erkenntnissen um das siebte Lebensjahr einen Höhepunkt, bevor sie mit wachsenden sozialen und kognitiven Fähigkeiten wieder leicht abnimmt.
Das bedeutet: Kita und OGS sind keine vorurteilsfreien Schonräume, in denen das Thema noch keine Rolle spielt. Es spielt längst eine Rolle, auch wenn Kinder es noch nicht in Worte fassen können. Genau deshalb ist es sinnvoll, vorurteilsbewusst zu arbeiten, bevor aus ersten Bewertungen feste Muster werden.
Was vorurteilsbewusste Bildung nicht ist
Gerade weil der Ansatz oft missverstanden wird, lohnt sich ein Blick auf drei verbreitete Stolpersteine. Der erste ist die „Länderwochen-Folklore“: eine Woche Frankreich mit Baguette und Chanson, eine Woche Türkei mit Fähnchen und Trachten. Das wirkt bunt, verstärkt aber häufig Klischees und reduziert Menschen auf äußerliche Merkmale, statt echte Vielfalt im Alltag sichtbar zu machen.
Der zweite Stolperstein ist die Herkunftsabfrage. Fragen wie „Und wo kommst du eigentlich her?“ klingen freundlich gemeint, markieren ein Kind aber ungewollt als „anders“ und rücken es in eine Sonderrolle vor der ganzen Gruppe. Vorurteilsbewusste Bildung setzt stattdessen an dem an, was ein Kind selbst zeigen möchte, etwa über seine Interessen, seine Familie oder seine Gefühle, ohne es zu einem Herkunftsthema zu machen.
Der dritte Stolperstein ist falsch verstandene Neutralität: so zu tun, als sähen alle Kinder in der Gruppe gleich aus und hätten dieselben Lebensbedingungen. Das mag gut gemeint sein, blendet aber reale Unterschiede und reale Diskriminierungserfahrungen aus, die manche Kinder und Familien bereits gemacht haben. Vorurteilsbewusst zu arbeiten heißt, Unterschiede wahrzunehmen und wertzuschätzen, statt sie zu übergehen.
Was das für die eigene Praxis bedeutet
Vorurteilsbewusst zu arbeiten heißt nicht, ein neues Programm einzuführen, sondern den Alltag mit einem geschärften Blick zu betrachten. Drei Fragen helfen dabei als Einstieg:
- Welche Familienformen, Sprachen und Lebensweisen kommen in unseren Büchern, Puppen und Bildern eigentlich vor, und welche fehlen?
- Wie reagiere ich, wenn ein Kind eine Frage zu Aussehen, Sprache oder Familie stellt, spontan und ohne es vorher zu üben?
- Wessen Stärken werden in meiner Gruppe sichtbar gemacht, und wessen Stärken übersehe ich vielleicht?
Auch die Bildungsgrundsätze für Kinder von 0 bis 10 Jahren in NRW verstehen Bildung als einen Prozess, der von der aktiven Teilhabe des Kindes und der Wertschätzung seiner individuellen Lebenslage ausgeht, eine gute fachliche Grundlage, um vorurteilsbewusstes Arbeiten im eigenen Team zu verankern.
Ihr nächster Schritt
Sie müssen nicht alles auf einmal verändern. Am einfachsten gelingt der Einstieg über eine einzelne, kleine Praxisidee, die Sie diese Woche im Morgenkreis oder in der Kleingruppe ausprobieren. Im Praxisideen-Finder finden Sie dazu passende, geprüfte Impulse zum Thema Toleranz, mit Reflexionsfragen und Hinweisen für unterschiedliche Altersgruppen. Wenn Sie mehr über das Projekt „Vielfalt begleiten“ und die Qualifizierung der Integrationsbegleiterinnen erfahren möchten, finden Sie einen Überblick auf der Seite Über das Projekt.

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